Ohne Titel, 2020

11.4. Ostersamstag und Tag 27 seit der Ausgangssperre.

Ich versuche die Zeit bis jetzt zu rekapitulieren: Es ist seltsam, dass ich mich persönlich trotz des Ernstes der Lage und der intensiven Medieninformation relativ unbeschadet fühle.

Zum einen habe ich glücklicherweise keinen Krankheitsfall in meinem Familien- und Freundeskreis, zum anderen bin ich beruflich in der Lebensmittelindustrie tätig, ich arbeite in einem Unternehmen, das zur kritischen Infrastruktur in Österreich zählt.

Seit 1.4. bin ich allerdings in Kurzarbeit, daher beginnt meine ausgiebige Zeit im home-office-Atelier zeitversetzt.

Nach der Fertigstellung meiner Arbeiten für die Ausstellung PAINT IT LOUD! – die Vernissage wäre am 31.3. gewesen und muss wahrscheinlich bis Herbst verschoben werden – beschäftige ich mich mit Porträts. Einige davon sind bereits in meinem neuen Katalog abgebildet, der für die Ausstellung gedruckt wurde. Neu ist die Serie, die mit meinem Beruf als Flavourist zu tun hat. In meiner Tätigkeit in der Aromenkreation befasse ich mich mit neuen Geschmacksrichtungen für Softdrinks. Dabei hatte ich die Idee, dieses Thema mit Porträts von Personen, die ich aus online-Werbeportalen aussuche, zu verbinden und diese Leinwände zu aromatisieren.

Ein weiteres Thema sind die “Zungenbilder”

Wie bereits von Wolf in seinem Blog-Beitrag festgestellt hat, verschwindet der Eros in der momentanen Lebensphase. Was bisher eine erotische Konnotation hatte, wird heute im geistigen Mikroskop betrachtet. Man fragt sich, wieviele Bakterien und Viren werden da wohl tröpfchenweise übertragen?

Zunge im Mund

Zunge im Auge

Zunge im Ohr

Bei meiner Recherche bin ich auf hunderte Einträge zum Zungenkuss gestossen, auf einen Coronavirus Podcast mit dem Titel ”Zunge im Ohr” und auf “eyelicking”, das in Japan als Vorspiel beim Sex gilt.

Zum Abschluß möchte ich ein Interview mit Olga Tokarczuk zitieren, in dem sie sagte:

“Ist es nicht so, dass wir zum normalen Lebensrhytmus zurückgekehrt sind? Dass nicht das Virus die Norm verletzt, sondern umgekehrt: dass jene hektische Welt vor dem Virus nicht normal war? Schließlich hat das Virus uns ins Gedächtnis gerufen, was wir so leidenschaftlich verdrängt hatten: dass wir fragile Wesen sind, gebaut aus der zartesten Materie.”

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