Csaba Fazakas: Homo Deus

Im Zeitalter der exponentiellen Entwicklung der Gesellschaften und der Suche nach neuen Identitäten – Visualisierung eines Denkprozesses

( eritis sicut dii– 1. Mose 3, 5; Ihr werdet sein wie Gott,
Worte der Schlange beim Sündenfall )

Irgendwann im letzten Jahrzehnt erreichte unsere Gesellschaft in ihrer technischen und gesellschaftlichen Entwicklung einen Knickpunkt. Die bisher lineare Entwicklung ist in eine exponentiellen Entwicklung umgekippt. Den Moment aus heutiger Sicht kann man nicht ganz genau festlegen, aber es ist geschehen. Das heißt auch, dass das reichhaltige Wissen und die Erfahrungen der vorangegangenen Jahrtausende teilweise oder zur Gänze obsolet geworden sind. Die bisherigen Fähigkeiten, die Zukunft mindestens kurz- oder mittelfristig vorauszusagen, sind verloren gegangen. Die bisherigen gesellschaftlichen Regularien zeigen sich immer wirkungsloser. Riesige Blöcke, ganze Teile der tragenden Gesellschaft bröckeln erdrutschartig von der Kerngesellschaft – nicht nur im mental-sozialen, aber auch im physischen, technischen und ökonomischen Sinn – unumkehrbar ab. Deutungshoheiten und Wertigkeiten verschieben sich.

Das  waren ungefähr meine Gedanken  im Jahr 2012, als ich an meiner Serie Homo Deus zu arbeiten begann:

Die Erkenntnis, dass die Gesellschaft und der einzelne Mensch unserer Zivilisation vor nie dagewesenen Herausforderungen gestellt ist, belasteten mich extrem. Der Zweifel und die Unsicherheit, ob meine Beobachtungen und Schlussfolgerungen richtig sind, haben mich fast zermürbt. Gleichzeitig musste man anhören und zuschauen, wie unsere bestens ausgebildeten Köpfe teilweise kaum etwas bemerkt hatten oder andere wenige, die es doch wahrgenommen hatten, verwirrte und verzweifelte Theorien nach altem Denkmuster erstellten. Der einzelne Mensch aus der Masse versank in Chaos und Konsum, betrachtet dieses Phänomen, das er nur spürte, mit einer gewissen Schicksalhaftigkeit – an seiner Zukunft kann er nur mehr mit Unsicherheit und nur sehr eingeschränkt basteln.

Die nicht illustrierbaren Visualisierungsversuche meiner Erkenntnisse sind meine größte Herausforderung geworden. Eine der größten davon ist die Visualisierung der Unumkehrbarkeit dieses Entwicklungsprozesses. Die Tatsache, dass bei dem Prozess keine Rückkehr mehr möglich ist.

Eine Rückkehr dürfte nicht einmal versucht werden, weil das in einer ungeahnten Katastrophe endet, siehe alle bisherigen technisch bedingten Entwicklungen.

Die zweitgrößte Herausforderung ist die Visualisierung der Gedanken, dass all das nicht ein Ende, sondern einen Anfang bedeutet. Zwar wird die bisher geltende Menschbetrachtung und das bisherige Menschenbild einem neueren weichen müssen, aber dieses Neue sind auch WIR, die Menschen. Offene Frage bleibt, wie qualvoll und mit wie viel Aufopferung auf der Ebene des Individuums und der Gesellschaft finden wir uns in diesem neuen Menschenbild wieder. Der Arbeitsprozess, die Verluste und Gewinne der abrupten Umstellung visuell darzustellen, brachte mich zu anderen Visualisierungsmöglichkeiten indem ich begann, Materialen und Lösungen zu verwenden,  die Entmaterialisierung und Materialisierung mit sich bringen.

Um 2015-16 eilte mir das Erscheinen des Buches „HOMO DEUS“ von YUVAL NOAH HARARI zu Hilfe – bis dahin musste ich mich als Referenz mit den Worten der Schlange beim Sündenfall (1. Mose 3, 5; „Ihr werdet sein wie Gott“), bzw. mit meinen Studien u.a. der Sozialpolitik  begnügen. HARARI hat mir geholfen, meine Gedanken schnell und neu strukturieren zu können, gleichzeitig nahm es mir den Druck der Unsicherheit und Zweifel. Ich war froh und erleichtert, dass ich mit dem Gedanken um die Thematik nicht mehr allein war – und ab diesem Zeitpunkt hatte ich einen virtuellen Gesprächspartner für den Bereich gewonnen. Das hieß auch, dass ich mich wesentlich intensiver mit dem Problem der Visualisierung als mit dem Konstrukt der Thematik beschäftigen konnte.

Während der Arbeit an dem Zyklus HOMO DEUS bin ich immer mehr zu der Überzeugung gekommen, dass wir Menschen, unsere Gesellschaft und Zivilisation doch die Möglichkeit und die Fähigkeit haben um zu entscheiden, was wir aus unserer alten Welt und unserem Menschsein in das Neue mitnehmen oder nicht.

Mittlerweile gibt es viele Denker, die über die Singularität des Phänomens – was ich eher als die stillste Revolution aller Zeiten nennen würde – überzeugt sind. Aber das stimmt eigentlich nicht. Gilgamesch, Kalevala, Genesis, die sind zwar linear erzählt, aber berichten über ähnliche Brüche oder Knickpunkte der Menschheitsgeschichte – und seht Euch an, wo wir sind!

– Csaba Fazakas

Öffnungszeiten
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